(Mich haben ja schon die 90er-Jahre vergrault.)
“Fünftens, die Inszenierung: Thomas Dannemann. In der Hauptsache beschäftigt er das Ensemble mit Schreien, Schlagen, Spucken, Ausziehen, Anziehen, Kämpfen, zu unterschiedlichen Zwecken einander Überwältigen, Draufsteigen, Runterfallen, (Pseudo-)Pinkeln, Schubsen, in die Mangel nehmen, Ausziehen, Anziehen, Draufsteigen, Runterfallen, Schreien, Schlagen und Die-Lebenszeit-des Publikums-Stehlen. Auch Tomaten und Mandarinen kommen zum Einsatz. Hernach: Laufen, Ausrutschen, Aufstehen. Oder Rosalind winkt mal mit dem Gummidödel.” … mehr Elend
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In meiner Heimatstadt ist dergleichen wohl immer noch state of the art der Abonnentenvergraulung. Es scheint dort auch unumstößliches Theatergesetz zu sein, dass man Klassiker nicht ohne ordentlichen Aufmarsch von Nazi-Uniformenwo inszenieren darf, egal, ob sich das inhaltlich nun anbietet oder nicht.
Das langweilt ohne Ende, aber solange sich paar ältere Damen in Abendrobe (wie z.B. meine Mutter) noch aufregen über diese Zumutung, glaubt jeder Regisseur, es wäre noch nicht genug Tabu gebrochen worden.
So dreht sich diese Irrsinnsspirale immer weiter.
Bremen ist ja bspw. durch Kresnik beglückt – und da die Theatergeher es nicht wagen, zu widersprechen, weil man ihnen eingebläut hat, dass sie sich von Künschtlern provozieren lassen müssen, damit diese ihnen ihre “alten Denkgewohnheiten aufbrechen”, nimmt man das hin.
Ist eigentlich noch irgendwo Tabu übrig? Soviel wie in den letzten Jahren ge- und zerbrochen wurde, müsste das doch restlos aufgebraucht sein.
Die Mannheimer kennen da nix und mosern drauflos – die Gebildeteren garnieren ihr Geschimpfe auch gern mit dem Hinweis darauf, dass hier ja seinerzeit “Die Räuber” von Schiller uraufgeführt wurden, und das wäre ja wohl eine Verpflichtung zur Hochkultur und überhaupt. Dass das damals auch ein Punkskandal erster Ordnung war und nicht darauf abzielte, den Philistern eine behagliche Abendunterhaltung zu liefern, ist den Herrschaften dabei nicht so klar.
Aber davon abgesehen läuft diese ganze Chose mit dem Aufbrechen alter Denk- und Rezeptionsmuster schon lange weitgehend ins Leere. Gäbe es nicht eine zahlungskräftige Zielgruppe, die sich das aller pflichtschuldigen Entrüstung zum Trotz immer noch bieten lässt und eine spendable öffentliche Hand, die das Treiben immer noch subventioniert, könnte die ganze selbsternannte Avantgarde der darstellenden Künschtler sehen wo sie bleibt mit ihrem pseudorevolutionären Gestus.
Sie erinnern sich an das Interview neulich von André Müller mit einem bekannten Maler?
Die Künstler weigern sich, die Krabbelgruppe zu verlassen und mal ihre eigenen Denkgewohnheiten zu durchbrechen.